Ersatzteile für Premiumautomobile – Ähnliches Geschäft, aber große logistische Unterschiede

Ersatzteile für Premiumautomobile

Foto: Hrynevich Yury/Shutterstock

Der weltweite Vertrieb von Ersatzteilen ist für die deutschen Premium-Automobilhersteller nach wie vor ein Erfolgsmodell. Für alle tickt dieses Geschäft ähnlich. Wirft man jedoch einen Blick in die Logistikzentren, so überraschen einen teils erhebliche Unterschiede zwischen den Herstellern. Gänzlich andere Antworten auf die gleichen Fragen – kommt Ihnen das bekannt vor? Worin liegen die Ursachen? Oder: warum Kopieren auch gehörig in die Hose gehen kann.

Wie tickt das Geschäft?

Die deutschen Premium-Automobilhersteller bewegen sich aufgrund ihrer Exporterfolge im Neuwagengeschäft in der jüngeren Vergangenheit auch im Ersatzteilvertrieb in einem stark globalisierten Markt. Die Distribution der Ersatzteile erfolgt vor diesem Hintergrund meist dreistufig. Ausgehend von der Zentrallagerstufe, traditionell in Deutschland angesiedelt, werden über die Großhandelsstufe in den jeweiligen Regionen die dort ansässigen Händler der Retailstufe versorgt. In allen drei Stufen erfolgt jeweils die Bevorratung unterschiedlich umfassender Ersatzteilsortimente. Die nachfolgenden Stufen werden dabei aus der vorgelagerten in der Regel durch Lagerergänzungsaufträge versorgt. Bei erhöhten zeitlichen Anforderungen oder beim Durchgriff auf die Zentrallagerstufe – für beispielsweise wenig gängige und daher lokal nicht bevorratete Teile – erfolgt die Abwicklung meist in Form von Eilaufträgen.

Aufgrund der zuletzt auch immer stärker global ausgerichteten Beschaffung etablieren sich insbesondere bei den Herstellern mit größeren Absatzvolumina auf der Zentrallagerstufe zusätzliche Hubstandorte in Nordamerika und Asien, um innerhalb der Triade leistungsfähig aufgestellt zu sein. Hiermit lassen sich dann gleichzeitig auch beschaffungsseitig entsprechende Bündelungseffekte erzielen.

Die zeit- und anforderungsgerechte Versorgung der Retailstufe weltweit bei gleichzeitig optimierten Kosten prägt das Geschäft und die Herausforderungen bei allen Herstellern in ähnlicher Art und Weise.

 

 

Kleine Abweichungen und Ursachen – Große Unterschiede

Selbstverständlich interpretiert jeder Hersteller das Spannungsfeld aus Kosten-, Auslastungs-, Durchlaufzeit- und Flexibilitätsfokus individuell ein wenig anders. Dies zieht in der operativen Logistik den einen oder anderen kleineren Unterschied nach sich. Ein solcher Unterschied besteht beispielsweise auch in der Bewirtschaftung der Zentrallagerstufe mit eigenem oder alternativ mit fremdem Logistikpersonal.

Bewirtschaftung mit eigenem vs. fremdem Personal
Im Gegensatz zu Fremdpersonal erfordert der Einsatz von eigenem Personal viel eher eine gleichmäßige Auslastung der Mitarbeitenden und rechtfertigt so einen deutlich höheren Aufwand zur Glättung der Kommissionierleistung. Gänzlich unterschiedlich können vor diesem Hintergrund jedoch die Logistiksysteme ausfallen. Ausgangspunkt ist die Tatsache, dass Material geringer Gängigkeit aufgrund des hohen Expressauftragsanteils zu starken Schwankungen der Auftragslast führt, während schneller drehendes Material tendenziell deutlich gleichmäßiger gegriffen werden kann. Der Einsatz von Eigenpersonal führt so traditionell eher zu einer Grundstruktur der Logistik, die sich an der Geometrie der Materialen bzw. deren Ladungsträgern orientiert. Separate Standorte und Lagerbereiche für Klein-, Mittel- und Sperrigteile, belegt jeweils mit einem Mix an Gängigkeiten, führen insgesamt zu einer relativ gleichmäßigen Personalauslastung.

Ausrichtung der Standorte nach Art der Auftragsabwicklung und Gängigkeit vs. Teilegeometrie
Die Bewirtschaftung mit Fremdpersonal und die Möglichkeit dieses wesentlich flexibler und bedarfsorientierter einzusetzen, ermöglicht es in viel stärkerem Maße, komplette Standorte inklusive ihrer jeweils zugehörigen Lagersysteme alternativ auf Schnell- oder Langsamdreher zu fokussieren. Die gesamte Auftragsabwicklung lässt sich dann jeweils entsprechend auf ein eindeutiges Kriterium hin ausrichten und optimieren. Die Standorte bzw. deren untergeordnete Einheiten weisen dann meist jeweils Lagermöglichkeiten für sämtliche Geometrien der Materialien bzw. Ladungsträger auf.

Ausrichtung der Logistiksysteme nach Art der Auftragsabwicklung und Gängigkeit vs. Teilegeometrie
Die oben beschriebene komplett unterschiedliche Grundausrichtung der Gesamtsysteme kann sich über die Lagereinheiten hinaus beispielsweise auch in der Art der zum Einsatz kommenden Transportsysteme widerspiegeln. Automatische bzw. autonome Transportsysteme kommen so tendenziell eher für »geglättete« Anwendungsfälle, also bei gemischten Gängigkeiten, zum Einsatz. In »ungeglätteten« Einheiten dagegen, also bei jeweiligem Gängigkeitenfokus, kommen eher manuelle Transportsysteme zum Einsatz. Diese lassen sich in ihrer Leistung meist einfacher skalieren als automatische Transportsysteme und unterstützen so kürzere Durchlaufzeiten. Auch eine eher zentrale oder dezentrale Abwicklung des Inboundaufkommens kann oft auf die Grundausrichtung der Gesamtsysteme zurückgeführt werden. Einheiten mit Geometriemix und Gängigkeitenfokus tendieren eher zu einer zentralen Vereinnahmung bzw. Wareneingangslogistik, da hier von einem höheren Konsolidierungsbedarf auszugehen ist. Einheiten mit Gängigkeitenmix und Geometriefokus dagegen sind eher an der existierenden Lieferanten- und Inboundstruktur orientiert, so dass hier in der Regel von geringeren Konsolidierungsbedarfen auszugehen ist. Dies spricht tendenziell eher für eine dezentrale Vereinnahmung und Organisation des Inbounds bzw. der Wareneingangslogistik in diesem zweiten Fall.

 

 

Warum Kopieren auch gehörig in die Hose gehen kann

Der Erfolg anderer baut auf vielen Details, die Ihnen selbst oft nicht hinreichend bekannt sind. Daher ist immer Vorsicht geboten, wenn die vielzitierten Benchmarks oder Best-Practice-Lösungen als Maxime Ihres Handels und zur Gestaltung Ihrer Logistiksysteme dienen sollen.

Auch Best-Practices zu übernehmen heißt kopieren
Eine unreflektierte Übernahme oder gar Nachahmung vermeintlicher Benchmarks oder Best-Practice-Lösungen ist immer nur so gut, wie die Details und Anforderungen des eigenen Systems. Auch sollte die gewünschte Positionierung mit denen des Benchmarks bzw. der Best- Practice-Lösung zumindest ähnlich sein. Transparenzdefizite im Spannungsfeld der Anforderungen Ihres Marktes einerseits sowie Ihrer eigenen Ansätze und Lösungen andererseits, stellen immer ein nicht zu unterschätzendes Risikopotenzial für Sie bzw. Ihr Unternehmen dar. Zum erforderlichen Maß an Vorsicht gehört auch, nicht in die Austauschbarkeitsfalle zu tappen. Zu große Ähnlichkeit mit dem Mitbewerb kostet Sie als Unternehmen meistens nur eines – Ihre spezifische Alleinstellung.

Der Leitgedanke für Ihr Handeln
Erst Ihre ganzheitliche Betrachtung der Anforderungen und Rahmenbedingungen kombiniert mit Ihrer eigenen klaren Positionierung im Sinne "was können Sie wirklich gut" und "wie können Ihre Kunden davon profitieren", führt zu Ihrer individuell angepassten und stimmigen eigenen Lösung – nicht nur in der Ersatzteillogistik, aber gerade auch dort.

 

Sie benötigen Unterstützung bei der Optimierung Ihrer Logistik oder der Organisation Ihres Ersatzteilgeschäfts? Treten Sie gerne in Kontakt mit uns. Gemeinsam entwickeln wir passende Lösungskonzepte und begleiten Sie bei der erfolgreichen Umsetzung der Maßnahmen.